Ioan Grosu
works cv text
Curis acuens mortalia corda
Übersetzung: Boris Brüderlin
Ioan Grosu ist so etwas wie der kleine Bruder von Baudelaire : entrückt, staubig, wunderbar. Unschuldig gehorcht er ihm aufs Wort:
Verbleiben? Ziehen? Bleib, kann dir’s genügen!
Geh wenn du musst!
Wir Sesshaften, die wir fest in unseren bequemen Sesseln sitzen, haben uns gefragt, ob es sich bei diesen Bildern nicht vielmehr um eine Selbstsuche handelt: Eine Suche in fernen Ländern, eines fremder als das andere; ein mühsames Reisen um zu existieren, an dessen Ende die Rückkehr genauso viel Schwierigkeiten bereitet wie der Weggang.
Es hat einige Zeit gedauert, um zu begreifen, dass Grosus Melancholie beim Reisen weder Ausdruck einer materiellen Sehnsucht noch Heimweh nach einer bestimmten Destination ist. Es geht hier nicht darum, sich zu verlieren, um sich auf einer höheren Ebene wiederzufinden. Es geht auch nicht um die zweifelhafte Beziehung zwischen dem Unbehagen bei der Abreise und der Heiterkeit bei der Ankunft. Was für Grosu wichtig ist, ist das Fortziehen um der Freude am Fortziehen willen.
Wir haben geglaubt, er sei fortgegangen, um die Idylle des malerischen Arkadien zu streifen, doch sein Körper blieb hier. Nur seine Seele ist aufgebrochen zu einer inneren Reise, einer Erfahrung der Initiation. In der Intimität seines Ateliers entzieht sich Ioan Grosu, schlüpft in eine andere Haut. In der „Ekstase“ wächst er über sich hinaus. Wenn man spüren will, wie aussergewöhnlich diese Reise, wie anders das Andere vom Eigenen ist, muss man immer wieder an genau jenen Ort jenseits des Sichtbaren zurückkehren.
Jegliches Eindringen nach Arkadien, das wissen wir seit Nicolas Poussin, beinhaltet einen bestimmten Höhepunkt: die Überraschung des Todes, die gespannte Erwartung des Thanatos. Der Prüfung dieser unheilvollen Annäherung sind unsere sterblichen Herzen (mortalia corda) auch heutzutage noch ausgeliefert. Der erfahrene Betrachter wird eine vorsichtige Distanz gegenüber der sich ausbreitendenen Unförmigkeit in Grosus Werken bewahren. Etwas Beunruhigendes durchwandert sie: es ist etwas faul im Staate der Malerei!
Seine Werke sind ebenso sehr Inventare von Nicht-Orten. Durch räumliche Ungenauigkeit zwingen sie unser schwächelndes Augen, nach Referenzpunkten zu suchen: Ein dreieckiges Gebilde, ähnlich einem zweidimensionalen Gebirge, durchtränkt von mineralischen Strukturen; Gruben ohne Tiefe eröffnen uns vermeintlich in sich geschlossene Welten; Pflanzliche Auswüchse, die an einen Baum und gleichzeitig an das Skelett eines Brustkorbes erinnern. Es sind geologische Belanglosigkeiten bar jeglicher Konsistenz. Dreieckige Silhouetten, die von einem bedrohlichen, unantastbaren Nichts überlagert werden. Schwebende Pyramiden, die uns entgegen ragen und uns in einen Raum verweisen, in dem wir eigentlich nicht sein können. Fatalität der Landschaft: Für Ioan Grosu bedeutet eine Position aufzuzeigen nichts weiter als eine topografische Absurdität. Sogar wenn wir uns in Sicherheit wägen, weil die Bilder uns in Geborgenheit einschliessen, wie im Falle dieser schachtelförmigen oder nischenartigen Innenräume. Auch hier bleibt unser Blick nirgends hängen. Er verletzt sich an der Undurchdringbarkeit des Raumes. Trotz des Versprechens linearer Tiefe treffen wir stets auf eine gewisse Verweigerung der Perspektive.
Das, was uns jedoch am meisten ins Auge springt, ist die Art und Weise wie Grosu jegliche menschliche Präsenz – besser würden wir wohl von Absenz sprechen – auflöst. Wir befinden uns in einem Arkadien ohne Hirten. Das menschliche Fleisch wird uns nur stückweise geliefert: Behauptete Enthauptungen oder zufällig auf die Schultern gepflanzte Köpfe, von Würmern zerfressene Gesichter à la Chaim Soutine. Unverholen offen gelegtes Unterhautgewebe ohne jeglichen Ausdruck von Leiden. Die Anatomie ist eine Täuschung. Identität gibt es nicht. Ein Arsenal bildnerischer Fabelwelten durchzogen vom Schleim der klinisch Kranken. Das Schlaffe, Klebrige, Feuchte und andere Pinselausrutscher präsentieren sich unheilvoll auf der Leinwand. Es ist eine Malerei die kränkt.
An dieser Stelle hätten wir wohl aufhören können, wären da nicht noch diese anderen visuellen Unbequemlichkeiten. Zum Beispiel der Wechsel von Matt und Glanz, Glatt und Rauh innerhalb ein und derselben Form, die erzählerische Armut, die das ganze Werk durchzieht. Geschmiere, Falten und Gekritzel als Zeichen einer unstillbaren Gewalt. Und dennoch: Wie ist es möglich, sich der Gleichgültigkeit, mit der Ioan Grosu sein Spiel der Zerstückelung betreibt, zu entziehen? Der Unverfrorenheit mit der er dem Betrachter jegliche Katharsis verweigert? Wie seine Abkehr vom Schönen verachten ohne sogleich anderen Dogmen zu verfallen? Wie sein Ausweichen gegenüber dem Zeitgenössischen nicht lieb gewinnen? Grosus absichtliche Verwechslung von Wahrhaftigkeit und Wildheit ringt uns immer wieder ein verständnisvolles Lächeln ab.
Dominic-Alain Boariu
Übersetzung: Boris Brüderlin
Ioan Grosu ist so etwas wie der kleine Bruder von Baudelaire : entrückt, staubig, wunderbar. Unschuldig gehorcht er ihm aufs Wort:
Verbleiben? Ziehen? Bleib, kann dir’s genügen!
Geh wenn du musst!
Wir Sesshaften, die wir fest in unseren bequemen Sesseln sitzen, haben uns gefragt, ob es sich bei diesen Bildern nicht vielmehr um eine Selbstsuche handelt: Eine Suche in fernen Ländern, eines fremder als das andere; ein mühsames Reisen um zu existieren, an dessen Ende die Rückkehr genauso viel Schwierigkeiten bereitet wie der Weggang.
Es hat einige Zeit gedauert, um zu begreifen, dass Grosus Melancholie beim Reisen weder Ausdruck einer materiellen Sehnsucht noch Heimweh nach einer bestimmten Destination ist. Es geht hier nicht darum, sich zu verlieren, um sich auf einer höheren Ebene wiederzufinden. Es geht auch nicht um die zweifelhafte Beziehung zwischen dem Unbehagen bei der Abreise und der Heiterkeit bei der Ankunft. Was für Grosu wichtig ist, ist das Fortziehen um der Freude am Fortziehen willen.
Wir haben geglaubt, er sei fortgegangen, um die Idylle des malerischen Arkadien zu streifen, doch sein Körper blieb hier. Nur seine Seele ist aufgebrochen zu einer inneren Reise, einer Erfahrung der Initiation. In der Intimität seines Ateliers entzieht sich Ioan Grosu, schlüpft in eine andere Haut. In der „Ekstase“ wächst er über sich hinaus. Wenn man spüren will, wie aussergewöhnlich diese Reise, wie anders das Andere vom Eigenen ist, muss man immer wieder an genau jenen Ort jenseits des Sichtbaren zurückkehren.
Jegliches Eindringen nach Arkadien, das wissen wir seit Nicolas Poussin, beinhaltet einen bestimmten Höhepunkt: die Überraschung des Todes, die gespannte Erwartung des Thanatos. Der Prüfung dieser unheilvollen Annäherung sind unsere sterblichen Herzen (mortalia corda) auch heutzutage noch ausgeliefert. Der erfahrene Betrachter wird eine vorsichtige Distanz gegenüber der sich ausbreitendenen Unförmigkeit in Grosus Werken bewahren. Etwas Beunruhigendes durchwandert sie: es ist etwas faul im Staate der Malerei!
Seine Werke sind ebenso sehr Inventare von Nicht-Orten. Durch räumliche Ungenauigkeit zwingen sie unser schwächelndes Augen, nach Referenzpunkten zu suchen: Ein dreieckiges Gebilde, ähnlich einem zweidimensionalen Gebirge, durchtränkt von mineralischen Strukturen; Gruben ohne Tiefe eröffnen uns vermeintlich in sich geschlossene Welten; Pflanzliche Auswüchse, die an einen Baum und gleichzeitig an das Skelett eines Brustkorbes erinnern. Es sind geologische Belanglosigkeiten bar jeglicher Konsistenz. Dreieckige Silhouetten, die von einem bedrohlichen, unantastbaren Nichts überlagert werden. Schwebende Pyramiden, die uns entgegen ragen und uns in einen Raum verweisen, in dem wir eigentlich nicht sein können. Fatalität der Landschaft: Für Ioan Grosu bedeutet eine Position aufzuzeigen nichts weiter als eine topografische Absurdität. Sogar wenn wir uns in Sicherheit wägen, weil die Bilder uns in Geborgenheit einschliessen, wie im Falle dieser schachtelförmigen oder nischenartigen Innenräume. Auch hier bleibt unser Blick nirgends hängen. Er verletzt sich an der Undurchdringbarkeit des Raumes. Trotz des Versprechens linearer Tiefe treffen wir stets auf eine gewisse Verweigerung der Perspektive.
Das, was uns jedoch am meisten ins Auge springt, ist die Art und Weise wie Grosu jegliche menschliche Präsenz – besser würden wir wohl von Absenz sprechen – auflöst. Wir befinden uns in einem Arkadien ohne Hirten. Das menschliche Fleisch wird uns nur stückweise geliefert: Behauptete Enthauptungen oder zufällig auf die Schultern gepflanzte Köpfe, von Würmern zerfressene Gesichter à la Chaim Soutine. Unverholen offen gelegtes Unterhautgewebe ohne jeglichen Ausdruck von Leiden. Die Anatomie ist eine Täuschung. Identität gibt es nicht. Ein Arsenal bildnerischer Fabelwelten durchzogen vom Schleim der klinisch Kranken. Das Schlaffe, Klebrige, Feuchte und andere Pinselausrutscher präsentieren sich unheilvoll auf der Leinwand. Es ist eine Malerei die kränkt.
An dieser Stelle hätten wir wohl aufhören können, wären da nicht noch diese anderen visuellen Unbequemlichkeiten. Zum Beispiel der Wechsel von Matt und Glanz, Glatt und Rauh innerhalb ein und derselben Form, die erzählerische Armut, die das ganze Werk durchzieht. Geschmiere, Falten und Gekritzel als Zeichen einer unstillbaren Gewalt. Und dennoch: Wie ist es möglich, sich der Gleichgültigkeit, mit der Ioan Grosu sein Spiel der Zerstückelung betreibt, zu entziehen? Der Unverfrorenheit mit der er dem Betrachter jegliche Katharsis verweigert? Wie seine Abkehr vom Schönen verachten ohne sogleich anderen Dogmen zu verfallen? Wie sein Ausweichen gegenüber dem Zeitgenössischen nicht lieb gewinnen? Grosus absichtliche Verwechslung von Wahrhaftigkeit und Wildheit ringt uns immer wieder ein verständnisvolles Lächeln ab.
Dominic-Alain Boariu